Interview mit N. Hertrich in der Sächsischen Zeitung zu Ghostwriting

Akademisches Ghostwriting hat leider nicht den besten Ruf. Zeitungsartikel wie derjenige in der SZ vom 5.12.2016, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten, tragen sicherlich dazu bei. In dem Artikel wird der Eindruck erweckt, es sei ein flächendeckendes Phänomen, dass gut betuchte Studierende Ghostwriter engagieren, um ihre akademischen Karrieren und Laufbahnen erfolgreich zu gestalten.

Einblick in die Ghostwriting-Branche: Interview in dem Artikel mit dem Geschäftsführer Norbert Hertrich von TEXT & WISSENSCHAFT

Aus Sicht der Hochschulen ist es durchaus nachvollziehbar, dass Ghostwriting nicht gerne gesehen wird, auch wenn nach derzeitigem Stand kein einziger Fall jemals aufgedeckt wurde (im Gegensatz zu den zahlreichen Plagiatsfällen, die bereits viele Karrieren gekostet haben).

Allerdings ist es keineswegs so, wie in dem Artikel suggeriert, dass sich die Betreuungsrelationen an den Hochschulen im Allgemeinen verbessert haben, auch wenn dies möglicherweise in Sachsen der Fall sein mag.

Tatsache ist, dass jedes Jahr in Deutschland zehntausende Studenten vorzeitig die Universität verlassen und ihr Studium abbrechen. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich und höchst individuell. Viele sind jedoch Leidtragende eines dysfunktionalen Hochschulsystems. Dies ist oftmals nicht nur eine persönliche Katastrophe, sondern wird auch hochschulpolitisch kritisch gesehen. Dabei zeigt sich laut Untersuchungen des Hochschulinformationssystems (HIS), dass über alle Hochschularten und Fächergruppen durchschnittlich knapp 30% der Studierenden ihr Studium abbrechen, wobei es deutliche Unterschiede in den Fachbereichen gibt.

Grundlegende Strukturprobleme an den Universitäten als Ursache?

Auch die letzte Evaluation der Exzellenzinitiative zeigt grundlegende Strukturprobleme des deutschen Hochschulwesens, nämlich eine nach wie vor klare Unterfinanzierung der Hochschulen, die sich u.a. in  verschlechternden Betreuungsrelationen der Lehrenden niederschlägt, die sogar ungünstiger ausfallen als noch im Jahr 2003. Von einer Verbesserung der Betreuungsrelationen also keine Spur und dies deckt sich auch mit unserem Eindruck, der uns von vielen unserer Kunden oftmals drastisch vermittelt wird. Sie haben oftmals nicht gelernt, wie man wissenschaftlich schreibt und sind dann vor die Anforderung gestellt, praktisch aus dem Nichts eine anspruchsvolle Bachelorarbeit oder ähnliches zu verfassen. Zudem haben sich durch die Heterogenisierung des Hochschulwesens insgesamt deutliche Qualitätsunterschiede herausgebildet, auch bei denjenigen, die die Studierenden betreuen.

Insofern erscheint es zwar recht und billig, wenn die Hochschulen auf das Ghostwriting nicht zu gut zu sprechen sind, verdeckt aber auch Ursache und Auswirkung aktueller Hochschulpolitik. Diese Aspekte sollten bei einer Gesamtbetrachtung und Bewertung des akademischen Ghostwritings nicht außer Acht gelassen werden. Denn würde an den Hochschulen die Betreuung und die Qualität der Lehre besser sein, würde das der Branche mehr Schwierigkeiten bereiten als jedes unzureichende Gesetz.

SZ-16-12-05