Forschungsmethode Fallstudien (Case Studies)

Fallstudien als Forschungsmethode

Fallstudien sind eine der beliebtesten (qualitativen) Forschungsmethoden. Wissenschaftliche Artikel, die Theorien aus Fallstudien entwickeln, gehören zu den am häufigsten zitierten Werken in Fachzeitschriften etc. Allerdings besteht in der Literatur eine gewisse Lücke hinsichtlich des Einsatzes von Fallstudien als Methode in der akademischen und vor allem wirtschaftswissenschaftlichen Forschung.

In diesem Beitrag geht es daher darum, einen Überblick über die Forschungsmethode Fallstudie (Case Study) und deren Nutzen und  Einsatzgebiete bereitzustellen.

Was sind Fallstudien?

Ein Fall (Case) ist ein zeitgenössisches Phänomen wie z.B. das Entscheidungsverhalten einer Person bzw. eines Unternehmers (Entrepreneurs) oder aber der Internationalisierungsprozess einer Organisation (Unternehmens), im Rahmen gegebener Bedingungen. Oftmals ist dabei der Zusammenhang zwischen Case und Kontext nicht klar bzw. nicht alle Informationen sind von Beginn an zugänglich.

Aus diesem Grund ist die Epistemologie, d.h. die Frage nach den Voraussetzungen für eine Erkenntnis, ein wichtiger Aspekt. Fallstudienforschung basiert auf einer positivistischen Epistemologie. Das bedeutet, die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse müssen wahrnehmbar und überprüfbar sein.

Einsatz von Fallstudien

Fallstudien haben eine lange sozialwissenschaftliche Tradition und vielfältige Anwendungsgebiete, insbesondere im Bereich der Managementlehre und der Medizin.

In der Lehre dienen sie der Wissensvermittlung sowie der Herangehensweise an komplexe Problemstellungen, die oft der Wirtschaftspraxis entnommen werden. Diese Form der Wissensvermittlung geht auf die Harvard Business School zurück und wird daher auch als die „Harvard Methode“ bezeichnet, die besonders in der Betriebswirtschaftslehre Anwendung findet.

Aber auch in der Medizin finden Fallstudien Verwendung, wo einheitliche Verfahrensstandards für spezifische Diagnosebilder zu erarbeiten sind.

Fallstudien können aber auch der Theoriebildung dienen. In dieser Hinsicht stellt jede Case Study ein einzigartiges Experiment dar. Mehrere Cases dienen, ähnlich einer Reihe von Experimenten unter laborartigen Bedingungen, der Entwicklung einer belastbaren, reproduzierbaren oder erweiterbaren Theorie. Im Gegensatz zu einem Laborexperiment, das das Phänomen vom Kontext trennt, untersucht die Case Study die Beziehungen zwischen Phänomen und real gegebenem Kontext. Theoriebildung mittels Fallstudien bezieht also in einer iterativen Vorgehensweise reale Daten, bestehende Theorien und somit vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse explizit mit ein. Hier werden Annahmen z.B. über das Verhalten von Wirtschaftssubjekten oder Aggregaten getroffen und in mathematischen Modellgleichungen formuliert. Auf analytischem Wege lassen sich daraus Erkenntnisse ableiten.Dabei geht es nicht darum, die Theorie auch zu testen. Dafür werden in der Regel quantitative Methoden herangezogen. Rein induktive Methoden kommen beim Data Mining bzw Big Data zum Einsatz. Hier wird mittels aufwendiger statistischer Verfahren nach Mustern in Datenbanken oder Data Warehouses gesucht wird, um zu einem Erkenntnisfortschritt zu gelangen.

Wann ist der Einsatz von Fallstudien angebracht?

Die Wahl der Forschungsmethode hängt wesentlich von den aufgestellten Forschungsfragen ab. Die Forschung mittels Fallstudie kann dann geeignet sind, wenn es darum geht, Forschungsfragen zu untersuchen, deren Intention es ist, etwas zu explorieren, etwas zu beschreiben oder das „Wie“ und „Warum“ eines Phänomens zu erklären. Dies betrifft beispielsweise ein Unternehmen, einen Entrepreneur oder eine Gruppe von Subjekten („wer“), deren Verhalten unter möglichst realen Bedingungen analysiert werden soll.

Hierbei können qualitative Methoden eingesetzt werden, um mögliche Annahmen bzw. Antworten zu formulieren (in Form von Hypothesen / Thesen) und quantitative Methoden, um diese zu verifizieren oder zu falsifizieren.

Welchen Beitrag zum Erkenntnisgewinn können Fallstudien liefern?

Entscheidungsträger benötigen ein Verständnis dafür, welche Auswirkungen ihre Entscheidung auf die entsprechenden Subjekte, die realen Gegebenheiten oder auf eine konkrete Situation hat. Sie brauchen Klarheit darüber, wie die Beziehung zwischen den abhängigen und unabhängigen Variablen und den dahinter liegenden Begründungen sind (wie und warum passiert etwas wo durch wen). Durch die offene und methodisch flexible Herangehensweise kann die Fallstudienforschung Erkenntnisse in Theorie und Praxis generieren.

Wie kann die Qualität der Fallstudienforschung eingeschätzt werden?

Fallstudienforschung muss einem striktem Procedere und den wissenschaftlich üblichen strengen Gütekriterien genügen. Eine qualitativ hochwertige Fallstudie hat – wie jede andere Untersuchungsmethode auch – daher strengen Anforderungen an Objektivität, Validität, Reliabilität und Utilitarität zu entsprechen.

Die Überprüfung dieser Kriterien sollte nicht erst im Nachhinein erfolgen, sondern bereits bei der Auswahl und dem Design der Fallstudie berücksichtigt werden. Während es bei der Validität um die Frage geht, ob tatsächlich diejenigen Merkmale ermittelt wurden, welche auch erfasst werden sollten, bezieht sich die Reliabilität auf die Exaktheit der Messungen und des definierten Vorgehens. Besonders wichtig ist die Konsistenzprüfung, welche darlegt, dass eine Replikation des Vorgehens zum gleichen Ergebnis führen würde.

Yin unterteilt die Validität zusätzlich in drei Unterkategorien: Konstruktvalidität, Interne Validität sowie Externe Validität.

Konstruktvalidität: darunter versteht man die richtige Auswahl der Untersuchungsinstru- mente. Dies ist bei der Fallstudienforschung deshalb wichtig, da der Untersuchende dazu geneigt sein könnte, bei der Datensammlung allzu subjektiv vorzugehen, obwohl für die Fragestellung die Benutzung korrekter (objektiver) operativer Messungen immanent wichtig ist. Aus diesem Grund sollte man Daten und Informationen aus möglichst vielen unterschiedlichen Quellen recherchieren, um die Konstruktvalidität sicherzustellen.

Interne Validität: sie stellt das wichtigste Gütekriterium bei qualitativen und quantitativen Untersuchungen dar und bezieht sich auf die Gültigkeit der aufgestellten Kausalzusammenhänge, ihre intersubjektive Überprüfbarkeit und die Zuverlässigkeit. Damit wird gewährleistet, dass die Untersuchungsbedingungen auch zu den gewonnenen Ergebnissen führen. Deshalb sollten bei der Datenanalyse kausale Beziehungen zwischen den einzelnen Variablen hergestellt und zudem eine saubere Argumentationskette erarbeitet werden.

Externe Validität: je nachdem, ob die Ergebnisse auch außerhalb des Fallkontextes verallgemeinerbar oder übertragbar sind, kann von einer externen Validität gesprochen werden. Eine solche Generalisierbarkeit bezieht sich auf theoretische Ableitungen bzw. eine analytische Generalisierbarkeit. Gerade im Fall von multiplen Fallbeispielen kann dies umso besser überprüft werden, je mehr Personen, Fälle oder Situationen Gegenstand der Untersuchung sind (Replication Logic).

Reliabilität: darunter versteht man die Exaktheit des Vorgehens sowie der Messung im Rahmen einer Konsistenzprüfung, die optimalerweise den Nachweis erbringt, dass eine Wiederholung der Untersuchung zu denselben Ergebnissen führen würde. Ein wichtiges Instrument hierfür ist eine Dokumentation in Form eines Protokolls, welches einen Überblick über das Gesamtprojekt, den Untersuchungsablauf, die Forschungsfragen sowie über die Richtlinien des Fallreports liefert. Dazu gehört auch die erforderliche Archivierung von Primär- und Sekundärdaten in einer Datenbank.

Je stärker eine Fallstudie diesen wissenschaftlichen Gütekriterien entspricht, desto höher kann deren Qualität eingeordnet werden.

Schlussfolgerung

Insgesamt betrachtet stellen Fallstudien eine verhältnismäßig aufwendige Forschungsmethode dar, insbesondere im Vergleich zu quantitativen Methoden. Sie ist zeit- und personalintensiv und stellt besondere und interdisziplinäre Anforderungen an den Forschenden. Zwar muss sich die Fallstudienforschung immer wieder den Vorwurf einer allzu großen Subjektivität objektiver Methoden gefallen lassen, gegen diesen Vorwurf sind im übrigen auch quantitative Methoden nicht vollständig gefeit. Qualitative Forschungsmethoden wie die hier behandelte Fallstudienforschung kann aber als das betrachtet werden, was sie tatsächlich ist: eine sinnvolle Ergänzung und Gegenstück zu (ökonomischen) Modellen und quantitativer Forschung. Fallstudien weisen Vorteile auf, denen es anderen Methoden mangelt. Sie sind daher nicht zwangsläufig Vorarbeiten oder vorangehende Pretests für quantitative Forschungsdesigns, vielmehr können quantitative Erhebungen umgekehrt Pretest für eine oder Bestandteil einer Fallstudie sein.

Fallstudien erlauben dem Forschenden komplexe Zusammenhänge in ihrem Gesamtkontext wahrzunehmen. Sie können daher als Forschungsmethode ein transparentes, redliches und rigoroses Forschungsinstrument darstellen und wertvolle Forschungsbeiträge liefern.

Literatur

Göthlich, S. E. (2003): Fallstudien als Forschungsmethode: Plädoyer für einen Methodenpluralismus in der deutschen betriebswirtschaftlichen Forschung, Manuskripte aus den Instituten für Betriebswirtschaftslehre der Universität Kiel, No. 578, Universität Kiel, Institut für Betriebswirtschaftslehre

YIN, R. K. (2009): Case study Research. 5. Auflage. Sage Publications